KOMMUNIKATIVE FUNKTIONEN DER SIEGEL
Gemeindesiegel sind ein sehr interessantes Untersuchungsmaterial: Sie ermöglichen nicht nur die Ergründung der Sphäre der Rechtskultur und materiellen Kultur Schlesiens, sondern auch der Themen, die mit dem Brauchtum, der Denkweise und dem Glauben der Bevölkerung zusammenhängen.

Das Bedürfnis Symbole zu schaffen und sie zu nutzen, folgt aus der menschlichen Psyche. In Gemeinschaften von einfachen Menschen, die anfangs auch schreibunkundig waren, konnte dieses Bedürfnis auf dem Gemeindesiegel Ausdruck finden.  Im Mittelpunkt vieler Siegel standen Symbole, die der Rezipient entschlüsseln und mit der eigenen Gemeinschaft identifizieren konnte. In der Regel verwendete man rustikale Symbole und Waldmotive, die sich auf die Existenzgrundlage des Rezipienten bezogen.

Das auf dem Siegel festgehaltene Bild ist für den heutigen Betrachter ein lesbares Zeichen und gibt all das wieder, was für unsere Vorfahren im Alltag von Bedeutung war – welche Arbeiten im Dorfkalender überwogen und wie sie ausgeführt wurden, welches Werkzeug dabei benutzt wurde und von welchen Ereignissen sie begleitet wurden. Seltener, aber mit Stolz, wurden die Früchte der täglichen Arbeit präsentiert, wie z. B. die von den lokalen Fischern gefangenen Fische oder unterschiedliche Produkte, die im jeweiligen Dorf von Handwerkern oder in industriellen Betrieben hergestellt wurden. Ein wesentlicher Teil der Siegelbilder bezieht sich auf die Religion oder spirituellen Belange. Hierbei handelt es sich um Schutzheilige der jeweiligen Dörfer, das Auge der Vorsehung, das nicht nur beobachtete und die Taten der Menschen beurteilte, sondern auch das Unrecht, das den Menschen widerfuhr, nicht außer Acht ließ.

Das Hoffen auf eine höhere Gewalt, der Glaube an deren Existenz in einer immateriellen Realitätssphäre, äußerte sich zu einem in der Darstellung von Heiligen und zum anderen in der Darstellung der Themis. Ein geringer Anteil der Abbilder bezieht sich auf die Zugehörigkeit des Dorfes zu einer Person oder zu einer Ordensversammlung, oder auf charakteristische Objekte oder Gebäude des Ortes. Es scheint, dass diese auf den Siegelbildern nur der Tradition wegen verharrten, bis sie aus dem Gedächtnis der nächsten Generationen, mit der Einführung von Schriftsiegeln, verdrängt wurden.  

Rustikale

Die Landwirtschaft bildete den Grundzweig der Wirtschaft. Es wurden Roggen, Hafer, Gerste, Weizen, Raps und Futterpflanzen angebaut. 
Beim Ackerbau benutzte man einen Pflug oder eine Egge sowie kleineres Werkzeug, wie beispielsweise Dreschflegel, Heugabeln, Knüppel, Schaufeln, Schippen, Sicheln und Strohschneider. Die alte Art und Weise der Landwirtschaftsverwaltung bildete einen integralen Teil der traditionellen Dorfkultur. Das Szenario der jährlichen Tätigkeiten, die mit dem Getreideanbau zusammenhingen, bestand aus folgenden Stufen: Vorbereitung des Bodens, Aussaat, Ernte, Einfuhr und Dreschen. Beim Getreideanbau und bei der Bearbeitung der Körner äußerte sich die Sorgfalt um das mit Mühe erworbene tägliche Brot – „eine Gabe Gottes“. Aus dieser Sorge wurde eine Reihe bestimmter Handlungen vorgenommen: das Werkzeug wurde sorgfältig angefertigt, Regeln der Gruppenarbeit wurden ausgearbeitet, man kannte einzelne Pflanzengattungen und suchte nach Lösungen im Bereich des Magischen. Die Dreschflegel galt zum Beispiel als Symbol der männlichen Pflichten und drückte die Verbindung zwischen dem menschlichen Leben und dem Zauber der Ernte aus.
Die göttlichen Schöpfermächte wurden im Volksglauben auf die mit der Aussaat verbundene Symbolik übertragen. Gott war dem Sämann ein Vorbild und so erschien auch sein Handeln gesegnet zu sein. Neben den landwirtschaftlichen Geräten wurde auch den landwirtschaftlichen Erzeugnissen eine symbolische Bedeutung zugeschrieben. Das Abbild einer Garbe war strikt mit der Ernte und der Nahrungsversorgung verbunden – sie stand für Überfluss und Wohlstand, und somit auch für Glück und Segen.

Religiöse Symbole

Zur Gruppe der religiösen Symbole gehören Siegel mit folgenden Sinnbildern: Agnus Dei, Hostie, Auge Gottes, Kreuz und Herz. Diese werden am häufigsten in Verbindung mit rustikalen Motiven, wie Werkzeug und Feldfrüchte, dargestellt. Die Grundlage des Heiligenkults bildete der tiefe Glaube und die Huldigung der Heiligen in den Glaubensgemeinschaften. Dieser Kult wurde mündlich überliefert oder in Hagiographien schriftlich festgehalten. Verbreitet war die Überzeugung, dass Heilige wahre Wunder bewirken konnten – hierbei handelte es sich hauptsächlich um Heilung und Schutz vor diversen Gefahren. Siegel mit dem Abbild eines Heiligen können mit dem Kult eines lokalen Schutzheiligen, dem Ortsnamen oder dem Kirchenbesitz vor der Säkularisierung verbunden werden. Auf den Siegeln wurden folgende Heilige abgebildet: Hl. Nikolaus, Hl. Johannes Nepomuk, Hl. Georg, Hl. Johannes der Täufer, Hl. Hedwig, Hl. Josef und die Heilige Jungfrau Maria.

Andere Formen der Erwerbstätig­keit

Des Weiteren kommen auch Symbole vor, welche sich auf die Fischwirtschaft, Hüttenindustrie und Müllerei beziehen. Die Teichwirtschaft entwickelte sich hauptsächlich in den Kreisen Oppeln-Falkenberg und Kreuzburg-Lublinitz. Sie war nicht nur Fachgebiet des Hofes, sondern wurde auch von den Bauern betrieben. Dank den Teichen, die sich auf die Produktion der Fischbrut konzentrierten, konnten die Mängel der höfischen Abwachsteiche ausgeglichen werden. Ende des 18. Jh. gehörten die Teiche den reicheren Landwirten, Scholzen, Müllern und Gastwirten. Eine wichtige Rolle spielte im wirtschaftlichen Leben auch die Hüttenindustrie, deren Anfänge bis zum 18. Jh. reichen. Die Entwicklung dieses Industriezweiges begünstigten die Raseneisensteine. Dieser Zweig bildete wiederum, in Verbindung mit weiten Waldkomplexen, die Grundlage zur Gründung von Hüttenwerken und zum Bau von Geräten zur Veredelung von Eisen – den Puddelöfen. Der Wald lieferte den wichtigsten Heizrohstoff – Holzkohle. Zudem lagen alle Hüttenwerke an Flüssen, so dass das fließende Wasser aus ihnen oder speziell dafür konstruierten Kanälen, zum Abspülen des Erzes und Antreiben der Schmiedehammer und Blasebälge diente. Auf den Flüssen baute man Dämme und Wasserräder.

Topographi­sche

Realismus ist wohl das charakteristischste Merkmal der Dorfsiegel. Der Kupferstecher, der den Siegelstempel bereitete, gab die grundlegenden Bestandteile dessen Wappens, anhand der gesehenen Bilder wieder. Aufgrund dessen ähneln die gezeichneten Kirchen und Gebäude so sehr den Originalbauten. In der Regel findet man das Abbild einer Kirche auf dem Siegel einer Gemeinde, in der sich eine Pfarrkirche befand. Diese bildete nicht nur den Mittelpunkt des Dorflebens, sondern war auch ein Kennzeichen der Gemeinde. Interessant erscheint aber auch die Tatsache, dass nicht immer auf den Siegeln von Orten, in denen eine Pfarrei ihren Sitz hatte, eine Kirche auf dem Sigillum war. Es kommt auch vor, dass die Abbilder, welche sich auf den Siegeln befinden, nicht identifiziert werden können und die mögliche Funktion eines Gebäudes (z. B. eine Fasanerie) erst anhand der Fachliteratur festgestellt werden muss. Neben Bauten wurden auch Flüsse und Berge auf den Siegeln abgebildet.

Blumen- und Kräutermotive

Feld- und Gartenfrüchte sowie Wiesen- und Feldblumen hatten in der Volkstradition eine besondere Bedeutung. Sie symbolisierten Wohlstand, Gesundheit und Glück. Blumen und Kräuter in Sträußen und Kränzen wurden von Priestern gesegnet. Ihnen wurde auch eine magische Heilkraft zugeschrieben. Hervorgehoben werden muss, dass für die ländliche Bevölkerung die Gesundheit von besonderer Bedeutung war. Zudem wurde das Wissen aus dem Bereich der Pflanzenheilkunde von Generation zu Generation weitergegeben.  

Tiere

Des Weiteren fanden sich auf Siegeln Bilder vom Jagdwild und von Tieren, die auf den Bauernhöfen gezüchtet wurden. Auf den Siegeln wurden folgende Tiere abgebildet: Hirsch, Wildschwein, Fuchs, Storch, Pferd, Hahn, Gans, Schaf oder wilde Vögel.

Wappen

Siegel mit einem Wappenmotiv geben das Wappen des Dorfbesitzers wieder. Auf ihnen findet man sowohl Bilder von Wappen, als auch Würdezeichen der Ämter. Gängig sind ferner Wappenbilder, die auf den Kirchenbesitz deuten. Auf Siegeln von Orten, die vor der Säkularisierung einem Orden gehörten, sind ein Kreuz oder ein Stern in vielen Varianten zu erkennen. Darüber hinaus kommen auch Überbleibsel von Familienwappen vor, wie z. B. der Familien Paczeński, Franckenberg, Sedlnitzky, Naefe und Obischau, Mettich, Strachwitz oder Renard.

Justitia

Abbilder, die bei Amtssiegeln von Scholzen gebraucht wurden, bezogen sich zu einem auf lokale Symbole und zum anderen auf Elemente von überregionaler Bedeutung. Dies kann anhand dessen beurteilt werden, wie stark die Position eines Gemeindegerichts war, das vom Scholzen und den Schöffen vertreten wurde. Überdies wurde auf einigen Siegeln das wohl selbstverständlichste Rechtssymbole platziert: die Themis, die griechische Göttin der Gerechtigkeit oder ihr Attribut – eine Waage.

Staatswappen

Obwohl die Darstellung eines Staatswappens auf den Siegeln verboten war, sind auch solche Abbilder sporadisch zu finden. Festzuhalten ist aber, dass diese Siegel nur kurze Zeit benutzt wurden, da sie durch ein Schrift- oder Bildsiegel ersetzt wurden.

Schriftsiegel

Schriftsiegel, die Mitte des 19. Jh. auftauchten, ersetzten die früheren Bildsiegel. Meistens wurden sie nach einem, für den ganzen Landkreis, einheitlichen Muster erschaffen. Am Siegel befand sich eine Aufschrift, die den Namen des Ortes, der Gemeinde und des Landkreises beinhaltete. In einzelnen Fällen wurde die Aufschrift mit einem zarten Ornament unterstrichen.  

Redendes Siegel

Siegel, die sich auf den Ortsnamen beziehen, werden als Redende Siegel bezeichnet und bilden eine interessante Gruppe des erhalten gebliebenen sphragistischen Materials. Das Siegelabbild bezog sich nicht immer auf die tatsächliche Etymologie des Ortsnamens, sondern auf eine Assoziation, die der Name hervorrief. Die Abbilder knüpfen sowohl an die deutschen Ortsnamen, als auch an die Ortsnamen in polnischer Sprache an. Als Beispiel sind zu nennen: Alt Kielbaschin (Kiełbasina) mit einem Fleischwurstring auf dem Siegel, Fischerei (Rybarze) mit Fischen auf dem Siegel, Alt Cosel (Stare Koźle) mit einem Ziegenbock auf dem Siegel, Kuschnitzka (Kuźniczka) mit einer Schmiede auf dem Siegel, Kobylno mit einer Stute auf dem Siegel, Alt Wiendorf (Pomorzowiczki) mit einer Weinrebe auf dem Siegel, Ober Rosen (Rożnów Górny) mit einer Rose auf dem Siegel oder Raden (Radyń) mit einem Rad auf dem Siegel.

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